Haiti - Alptraum ohne Ende, 17.01.2010 22:20
Der jetzigen Katastrophe ging das Erdbeben vom Juni 1770 in Port-au-Prince voraus, bei dem Hunderte starben und das vom 7. Mai 1842, bei dem es
allein in Cap-Haïtien im Norden der Insel rund 10.000 Tote gab. Haiti wird in regelmässigen Abständen von Orkanen heimgesucht, zuletzt in den Jahren 2004 und 2008. Im September 2008 überfluteten die Stürme die Stadt Gonaïves und rissen einen grossen Teil der schwachen Infrastruktur hinweg. Über tausend Menschen kamen dabei ums Leben, Tausende wurden obdachlos. Heute, liest man in Freitag, sieht es in Port-au-Prince wie in einem Kriegsgebiet aus. Das vor uns liegende Ausmass der Tragödie ist das Resultat einer langen Geschichte der vorsätzlich herbeigeführten Verelendung und Entmachtung. Haiti zählt zu den ärmsten Ländern der westlichen Hemisphäre, dessen Armut das Erbe eines der brutalsten Systeme kolonialer Ausbeutung ist; Jahrzehnte systematischer postkolonialer Unterdrückung haben alles noch schlimmer gemacht. Seit die USA das Land 1915 eroberte und besetzte, wurde jeder ernsthafte politische Versuch der Haitianer, sich »von tiefstem Elend zu würdevoller Armut zu erheben« - um es mit den Worten von Ex-Präsident Jean-Bertrand Aristide zu sagen, von der US-Regierung und ihren Verbündeten mit Gewalt unterbunden. Die politische Entwicklung mit Stand 2004 ist in dem Abriss ›Zur Lage in Haiti‹ auf http://www.politonline.ch/index.cfm?content=news&newsid=5 aufgezeichnet. Heute leben etwa 75 % der Bevölkerung von weniger als 2 $ am Tag und etwa 56 %, nämlich 4.5 Millionen, von weniger als 1 $. »Jahrzehnte neoliberaler ›Anpassung‹ und Interventionen neoimperialistischer Natur haben die Regierung um jegliche Grundlage gebracht, in ihr Volk zu investieren oder die Wirtschaft in Ordnung zu bringen. Ein Handelsembargo und Finanzabkommen stellen sicher, dass Armut und Ohnmacht das Leben auf Haiti auf absehbare Zeit bestimmen werden.« Seit den späten siebziger Jahren haben neoliberale Angriffe auf Haitis agrarisch ausgerichtete Wirtschaft Zehntausende kleiner Bauern zur Umsiedlung in überfüllte städtische Slums gezwungen. Zwar gibt es keine zuverlässigen Zahlen, doch dem Augenschein nach leben Hunderttausende in Port-au-Prince in minderwertigen Behausungen. Diese Hütten sind oft gefährlich nahe an den Rand von abgeholzten Schluchten gebaut. Brian Concannon, der Direktor des Instituts für Gerechtigkeit und Demokratie in Haiti, betont: »Die Menschen ziehen dorthin, weil sie oder ihre Eltern durch Wirtschafts- und Entwicklungshilfe vorsätzlich aus den ländliche Gebieten vertrieben wurden. Diese Hilfe war bewusst so angelegt, dass in den Städten eine grosse Zahl an Arbeitskräften zur Verfügung steht. Sie sind per Definition diejenigen, die es sich nicht leisten können, erdbebensichere Häuser zu bauen.« Die grundlegende Infrastruktur, fliessendes Wasser, Elektrizität, Strassen, ist in Port-au-Prince schon lange unzureichend, oft ist sie nicht mal ansatzweise vorhanden. Die Möglichkeiten der Regierung, den Opfern Katastrophenhilfe zur Verfügung zu stellen, gehen gegen null. Die Ernte dieser Misswirtschaft trägt, wie dies seit Jahren der Fall ist, die Internationale Gemeinschaft. Wenn immer dieser hochtrabende Begriff ins Feld geführt wird, vermeidet es die Presse tunlichst, hinzuzufügen, um was es sich hier handelt, nämlich um den Steuerzahler aller Nationen. Wie dem Artikel ›Alptraum ohne Ende‹ ferner zu entnehmen ist, haben die gleichen Länder, die nun ganz schnell Katastrophenhilfe leisten wollen, in den vergangenen fünf Jahren fortwährend gegen eine Ausweitung des UNO-Mandats über die unmittelbaren militärischen Ziele hinaus gestimmt. Alle Vorschläge, einen Teil der ›Investitionen‹ in Armutsbekämpfung oder in die landwirtschaftliche Entwicklung zu stecken, wurden abgelehnt. Dieselben Orkane, die auf Haiti 2008 so viele Menschenleben forderten, trafen Kuba mit der gleichen Härte, doch wurden dort nur vier Menschen getötet. Kuba ist den schlimmsten Auswirkungen der neoliberalen ›Reform‹ entkommen. Seine Regierung hat Gelder auf die Seite gelegt, um das Volk gegen Katastrophen verteidigen zu können. Wenn wir es ernst damit meinen, dass wir Haiti durch die jüngste Krise helfen wollen, dann sollten wir diesen Vergleich im Auge behalten. Quelle: http://www.freitag.de/politik/1002-haiti-erdbeben-unterentwicklung-guardian Alptraum ohne Ende - Wenn es die internationale Staatengemeinschaft mit der Katastrophenhilfe nach dem Erdbeben ernst nimmt, muss sie aufhören, das zerstörte Land auszunutzen
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